Freeware: Zeichensätze Sütterlin und Kurrent
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Zeichensätze, Download, Freeware, Kurrentschrift, Sütterlin, Gotische Schrift, Schwabacher, Buchdruck, Schriftgeschichte, Antiqua, Normalschrift Goebbels notierte am 2. Februar 1941 triumphierend in sein Tagebuch: "Der Führer ordnet an, dass die Antiqua künftig nur noch als deutsche Schrift gewertet wird. Sehr gut. Dann brauchen die Kinder wenigstens keine 8 Alphabete mehr zu lernen. Und unsere Sprache kann wirklich Weltsprache werden."
  

Weltsprache. Es war allerdings kein Leichtes den eingefleischten Nazis ihre "deutsche Schrift" zu nehmen. Man erklärte die auch heute von Neonazis noch gerne verwendete Schrift einfach zu "Judenlettern". Unter den "acht Alphabeten" verstand man damals die Klein- und Großbuchstaben von Fraktur, deutscher Schreibschrift (Sütterlin), Antiqua und lateinischer Schreibschrift! Die Argumentation mit der "Weltsprache" aber entlarvt das propagandistische Geschwätz um die "Schwabacher Judenlettern" und nimmt vorweg, was dann auch mit dem Rundschreiben vom 1. September 1941 über die Verwendung der Schreibschriften gesagt wurde. Denn es war kein Leichtes den eingefleischten National(sozial)isten ihre "deutsche Schrift" zu nehmen. So musste als Begründung herhalten, dass "die Verwendung der fälschlicherweise als gotische Schrift bezeichneten Schriftzeichen den deutschen Interessen im In- und Auslande schade, weil Ausländer (Anm.: in den besetzten Gebieten), die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können". Als ob ihnen dies nicht egal gewesen wäre.
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Schwabacher Judenlettern. Mit Rundschreiben vom 3. Januar 1941 wurde durch den Stellvertreter des Führers, Martin Bormann die Verwendung der Frakturschrift, taxfrei zu "Schwabacher-Judenlettern" erklärt, verboten. Die ersatzweise zu verwendende Antiqua wurde in "Normalschrift" umbenannt. Die ein halbes Jahrtausend verwendete Schrift "zierte" allerdings noch immer und gerade den Briefkopf des Rundschreibens. Auf dem Erlass ist noch der Briefkopf "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei / Der Stellvertreter des Führers" in Fraktur, also in den "schlimmen Judenlettern" gedruckt! Doch nicht genug des Irrsinns: In einem Rundschreiben vom 20. Juli 1937 war ausgerechnet den jüdischen Verlagen noch der Gebrauch der Fraktur untersagt worden, weil die Fraktur das Erkennungszeichen der Pamphlete des nationalsozialistischen Deutschtums war. Und auch heute verwenden neonazistische Kreise die Fraktur noch gerne als ihr deutschdümmelndes Erkennungszeichen.
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Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg in Mainz sowie die spätere große Verbreitung der Schwabacher und der Fraktur im deutschsprachigem Raum brachte den gebrochenen Schriften die italienische Bezeichnung "Lettera Tedesca" ein – "Deutsche Schrift". Da in dem Erlass jedoch die tatsächlich nichtdeutsche Gotische Schrift mit der wiederum deutschen Schwabacher gleichgesetzt wurde, verboten die Nationalsozialisten somit die erste gebrochene Schrift, die auf deutschem Boden entstanden ist - die Schwabacher - als undeutsch!
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Hitler und seine Autoren des Erlasses gingen wohl nicht davon aus, dass die Schrift tatsächlich von einem Schwabacher Juden geschaffen worden sei, denn zur Entstehungszeit dieser Type gab es in Schwabach weder eine Buchdruckerei noch eine Schriftgießerei und zweitens war den Juden der Erwerb von Druckereien und das Arbeiten in einer Druckerei nach den strengen Zunftgesetzen der damaligen Zeit verboten. Nur Christen, die das Bürgerrecht besaßen, durften in einer Druckerei tätig sein. Wie schwachmatisch ihre und des "Führers" Argumentation war, musste bewusst sein, denn der Bormann-Erlass trug ausdrücklich den Vermerk "Nicht zur Veröffentlichung". Öffentlich wäre dies ja einem Kopfstand gleichgekommen.
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Fraktur. Auch die weitere Behauptung des Erlasses, dass "die in Deutschland ansässigen Juden bei der Einführung des Buchdrucks sich in den Besitz der Druckereien setzten und dass es dadurch zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern gekommen sei", ist falsch. Zum ersten war die seit der Renaissance verwendete Frakturschrift ohnedies nicht mehr die Schwabacher Fraktur und zum anderen war die Konnotation der Fraktur als "deutsch" schon ein Hirngespinst, das sich aus dem nationalistischen und religiösen Motiven schuf. Als Schöpfer der ersten reinen "fractura germanica" (1507) gilt der Augsburger Kalligraph und Benediktinerpater Leonhard Wagner. Etymologisch ist die Bezeichnung "Fraktur" dem lateinischen (sic!) "fractura" entlehnt und bedeutet "Bruch". Mit dem beginnenden 16. Jahrhundert bezeichnete es jene "gebrochene" Spätform der gotischen Minuskel die als Fraktur in Deutschland zur vorherrschenden Type wurde. Gotisch  - als Herkunft "von den Goten" wurde von den Humanisten der Renaissance abschätzig im Sinne von barbarisch verstanden oder als Analogie, da mit dem "Aufbrechen" des romanischen Bogens zum gotischen Spitzbogen auch die Rundungen der karolingischen Minuskel gebrochen wurden. Besonders im Zuge der Reformation mit Martin Luthers populären Flugschriften und seiner deutschsprachigen Bibel wurde die Fraktur zum Inbegriff der "deutschen Schrift", ein Nimbus, den sie bis heute bewahrt zu haben scheint.

Antiqua. Aber auch aus der Praxis früherer Jahrhunderte, für gelehrte Texte in deutscher Sprache üblicherweise die Fraktur zu verwenden und für lateinische vorzugsweise Antiquaschriften, entwickelte sich dieser Irrglaube. Das 17. Jahrhundert, gezeichnet von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges und dessen geistes- und sozialgeschichtlichen Folgen, brachte für Deutschland zunächst einen deutlichen Verfall seiner Druckkunst, sowohl in technischer wie auch ästhetischer Hinsicht. Der durch die Reformation initiierte Schriftgegensatz deutsche Fraktur versus lateinische (katholische) Antiqua wurde immer mehr zum Zeichen des sozialen Gegensatzes zwischen den Gelehrten und dem einfachen Volk und verschärfte sich in der Gegenreformation zu einer hochgradig wertbesetzten Schriftspaltung.

Um 1800 bewirkte der Schriftstreit um die Antiqua und die Fraktur besonders im Zusammenhang mit der Entwicklung der klassischen deutschen Nationalliteratur (Goethe, Schiller, Wieland, etc.) eine markante Aufwertung der typographischen Gestaltungsarbeit. Orientiert an der klassizistischen Schrift- und Buchgestaltung eines Giambattista Bodoni oder Didot – vor allem aber im Bemühen um die adäquate, ja ideale Entsprechung von typographischer Form und literarischem Inhalt im Geiste der deutschen Klassik – definierte der Leipziger Typograph und Verleger Georg Joachim Göschen Typographie als "ästhetisches Ausdruckssystem". Seine in Antiqua gesetzten Klassiker-Prunkeditionen galten schon unter bibliophilen Zeitgenossen als "typographische Luxuskultur" und waren überaus begehrte Sammelobjekte.

Offizielle Amtsschrift. Welche Spitzfindigkeit und Dummheit: Obwohl sich Jakob Grimm 1854 im Vorwort zum "Deutschen Wörterbuch" vehement für die Antiqua einsetzte, so verweigerte doch ein Bismarck 1886 die Lektüre einer wie üblich in Antiqua gesetzten wissenschaftlichen Abhandlung, mit der Begründung, dass er es ablehne, Texte in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern gedruckt zu lesen. 1871 wurde mit der Gründung des Deutschen Reiches die Fraktur zur offiziellen Amtsschrift erklärt worden war.
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Dabei war die Antiqua keineswegs - wie man vermuten könnte - antiker Herkunft, etwa griechischer oder römischer Zeit, sondern entwickelte sich aus der karolingischen Minuskel (Kleinbuchstaben) im fränkischen Hoheitsbereich zur Zeit Karls des Großen. Sie ist der Vorläufer unserer heutigen Kleinbuchstaben. Die Gelehrten der Renaissance hielten sie irrtümlich für "antik", da die Schriften der Antike - allerdings nicht im Original sondern durch Mönche Jahrhunderte später abgeschrieben - in ihr geschrieben waren. Die Gelehrten gingen davon aus, dass diese Werke in der Originalschrift kopiert worden wären.

Kahlschlag. Durch Bormanns Erlass vom 3. Januar 1941 wurden zunächst nur die gebrochenen Druckschriften verboten. Mit einem zweiten Rundschreiben vom 1. September 1941 wurde auch die Verwendung der deutschen Schreibschriften untersagt. Damit war auch die bis dahin übliche deutsche Kurrentschrift verboten, sowie die erst in den 1920ern eingeführte Sütterlinschrift. Seit Beginn des Schuljahres 1941/42 durfte an den deutschen Schulen nur noch die sogenannte "Normalschrift" verwendet und gelehrt werden, die bis dahin als "lateinische Schrift" (sic!) zusätzlich zur Sütterlinschrift unterrichtet worden war.
:::Freiklick:::>  Schrift als Politikum. Drei Beispiele
Dem Bormann-Erlass ging am selben Tag eine Besprechung Adolf Hitlers auf dem Obersalzberg mit Max Amann, "Reichsleiter" für die Presse der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP und Adolf Müller, Drucker des Völkischen Beobachters, voraus. Im Völkischen Beobachter wurde die Frakturschrift gerne für Überschriften verwendet, die sogenannte - 1913 entwickelte - "Bernhard Fraktur". Dies stammte allerdings tatsächlich von einem Juden, nämlich dem aus Stuttgart stammenden Lucian Bernhard, dem ersten deutschen ordentlichen Professor für "Reklamekunst". Jedenfalls durfte dieser für das Regime peinliche Tatbestand nicht öffentlich bekannt werden und so stellte man die pauschale Behauptung auf, die "gotische Schrift" bestehe aus "Judenlettern".
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Neue Typographie. Aus heutiger Sicht betrachtet, verursachten die Nationalsozialisten und ihre Sympathisanten europaweit und insbesondere in Deutschland einen unbeschreiblichen typographischen Kahlschlag, einen kulturellen Supergau, dessen Auswirkungen bis heute noch spür- und sichtbar sind. Sie hinterließen eine kaputte, kleingeistige und diffuse typographische Landschaft. Interkultureller Austausch war nicht mehr möglich und die Avantgarde galt als entartet. Führende Typographen emigrierten deshalb ins Ausland, insbesondere in die neutrale Schweiz und in die USA. Bereits während der nationalsozialistischen Machtübernahme positionierten sich Zürich, das sich ab 1933 als Sammelbecken deutscher Emigranten entwickelte, Basel sowie New York und Chicago als die Zentren der "Neuen Typographie"; Stanley Morison etablierte in London die Schriftenbibliothek der Monotype Corp. Ltd. als den qualitativen Maßstab für westliche Werksatzschriften. 1937 gründete u.a. László Moholy-Nagy (Gründungsdirektor) in Chicago das "New Bauhaus", aus dem die "School of Design" (ab 1944 Institute of Design) hervorging. Typographie gehörte von nun an zu den Grundlagen des "Graphic-Designs".
  
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 14. Mai 2009 )