FreE-Book: Konfidenz und Faszinationskommunikation
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Rhetorik, Konfidenz, Faszination, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Vertrauen generierende und Faszination stimulierende Situativstrategien der Bundeskanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder am Beispiel der Neujahrsansprachen, ZDF-Sommerinterviews und Bulletins 1994 bis 2002. Eine Open Acess - Dissertation von Heinrich Georg Naumann an der  Universität der Künste Berlin (2006).
  

Kurzfassung in Deutsch. Strategien politischer Akteure, die dazu führen, dass der Akteur für den Rezipienten vertrauenswürdig beziehungsweise faszinierend erscheint, sind bisher unerforscht. Um diese Forschungslücke zu schließen, wird die bisher gängige Forschungsperspektive gedreht und der Akteur in das Zentrum der Analyse gestellt. Das Forschungsdesign verschränkt individuelle Kommunikationskonzepte, situative Bedingungen und Verhaltensdispositionen diametraler Kommunikationstypen mit der verbalen Analyse der Phänomene "Vertrauen" und "Faszination". Mit Helmut Kohl und Gerhard Schröder wurden diametrale Kommunikationstypen ausgewählt und mit den Bulletins, den Neujahrsansprachen und den ZDF-Sommerinterviews ein angemessener Querschnitt ihrer Regierungskommunikation untersucht. Die verbale Analyse der Quellen legt ein strukturelles Gerüst spezifischer Faktoren beider Kommunikationsphänomene frei.

:::Freiklick:::>   Neumann, Heinrich Georg: Konfidenz und Faszinationskommunikation.

Vertrauen generierende und Faszination stimulierende Situativstrategien der
Bundeskanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder
am Beispiel der Neujahrsansprachen,
ZDF-Sommerinterviews und Bulletins 1994 bis 2002

Konfidenzkommunikation. Sie besteht aus Aktions-, Personen- und Funktionsvertrauen. Aktionsvertrauen korrespondiert mit der entsprechenden Regulierungserwartung der Rezipienten. Über Personenvertrauen versucht der Akteur, eine gemeinsame emotionale Basis mit dem Rezipienten herzustellen. Funktionsvertrauen ist Vertrauen in das politische Funktionssystem und löst in verschiedenen Zeitdimensionen das Problem der riskanten Vorleistung des Rezipienten. Der Akteur reduziert die soziale Kontingenz und versucht, die Zukunftsoffenheit gesellschaftlicher Situationen in Sicherheit umzuwandeln. Ferner veranlasst er den Rezipienten zur Abwägung von kritischen Alternativen.

Die Befunde zeigen bei beiden Kommunikationstypen in der Grundstruktur einen kongruenten Aufbau. Die Detailstruktur des Funktionsvertrauens weist allerdings gravierende Unterschiede auf. Kohl generiert in den Neujahrsansprachen, konstituiert durch Werteofferten und Anerkennungsreferenzen, stärker idealisierende Vertrauensfaktoren. Schröder hingegen setzt auf Optimierung und rekurriert entsprechend häufiger auf Erfolgsparadigmen und Zuversichtsofferten. Kohl entwickelt im Modus der Sommerinterviews noch weniger Optimismus als in seinen Neujahrsansprachen. Er räumt der Kontrastierung Priorität ein. Die Verwendung idealisierender insbesondere auch optimierender Konfidenzfaktoren nimmt ab.

Dem Problem der doppelten Kontingenz begegnet Kohl, indem er eine vertraute Welt kommuniziert. In stereotypen Inszenierungen präsentiert er sich als berechenbarer Faktor. Mit Hinweisen auf ein konsistentes Wertesystem versucht er, die soziale Kontingenz seiner Regulierungsofferten zu reduzieren. Idealisiert und als replizierbar angesehen schwingt das Gestern in Zukunftsentwürfe über. Der Darstellung konkreter Regulierungsofferten räumt Kohl gegenüber der retrospektiven und perspektivischen Erfolgspräsentation Vorrang ein. Schröder sichert seine Regulierungsmaßnahmen durch die Aktivierung von Optimismus und Zuversicht ab. Mit Zuversichtsofferten und Erfolgsparadigmen favorisiert er Erfolgsdarstellungen vor der Auflistung konkreter staatlicher Maßnahmen. Das Problem der doppelten Kontingenz löst er auf, indem er erstens in seiner Selbstdarstellung ein hohes Maß an Bereitschaft signalisiert, Vertrauen übertragen zu bekommen. Der Zustand der Zukunftsunsicherheit wird zweitens aufgelöst durch eine Metaphorik, die an alltagspraktische Vertrautheit anknüpft. Drittens wird die Gegenwart substituiert durch massive Aktivierung von Zukunftsoptimismus. Zuversichtsofferten leiten Zukunftsinhalte in Gegenwart über. Die Gegenwart selbst füllt Schröder mit kongruenten interaktiven Botschaften aus.

Faszinationskommunikation. Sie setzt sich zusammen aus Faszination "Persönlichkeit", Faszination "Identität" und Faszination "Visionen". Mit Hilfe von Faszination Persönlichkeit weist der Akteur auf seine außeralltäglichen Fähigkeiten hin, vermittelt Leidenschaft und demonstriert dem Rezipienten sein energetisches Potenzial zur Regulierung der Unsicherheiten der Zukunft. Faszination Identität hebt kollektive Stärken hervor und benennt außeralltägliche Fähigkeiten des Rezipienten, die ihn dafür prädestinieren, an einer idealisierten Zukunft teilzunehmen. Die Suggestion von Gemeinschaft verbindet disparate gesellschaftliche Gruppen. Ferner wird der Rezipient dazu aufgefordert, Dispositionen für seine eigene Zukunft zu treffen. Faszination Visionen beinhaltet sinnstiftendes Potenzial durch visionäre Einzelziele sowie langfristige Kollektivaufgaben. Die soziale Komplexität wird auf positives Erleben reduziert, die Risikowahrnehmung minimiert. Der Rezipient erhält die Chance, durch sein Engagement selbst Teil einer erfüllten Zukunft zu werden.

Die Befunde zeigen bei beiden Kommunikationstypen in den Neujahrsansprachen einen kongruenten Aufbau. Kohl und Schröder stimulieren Faszination aus gleich starken Anteilen an "Faszination Visionen" sowie "Faszination Identität". Verbale Selbstaufwertungen der Akteure spielen nur eine untergeordnete Rolle. In den Sommerinterviews kommt es je nach Kommunikationstyp zu signifikanten Umschichtungen. Kohl aktiviert insbesondere Selbstaufwertungen. Parallel dazu lassen seine in den Neujahrsansprachen gezeigten Stärken deutlich nach. Er reduziert die Impulse, die Identität der Rezipienten zu stärken sowie Gemeinschaft zu simulieren und schöpft sein Potenzial an Orientierungen nicht aus. Schröder gelingt es dagegen, seine Potenziale weitgehend konstant hoch zu halten. Dominierend bleibt der Datenbestand "Faszination Visionen". "Faszination Identität" behält ebenfalls einen hohen Aktivierungsgrad durch stabil hohe Aktivierungen von Fremdaufwertungen.

Diese Arbeit argumentiert, dass es zu den im medialen Politikprozess praktizierten symbolischen Handlungen und Inszenierungen sprachliche Äquivalente gibt. Mit dem Erklärungsmodell einer Konfidenz- und Faszinationskommunikation wird dem Rezipienten ein Instrumentarium zur Dekodierung komplexer Vertrauens- und Faszinationskonstruktionen angeboten. Der politische Akteur erhält gleichzeitig eine systematische Grundlage, die eigenen Vertrauens- und Faszinationspotenziale gezielt zu optimieren.

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 18. Mai 2008 )