11. Juli 1944
Vernetzte Gesichtspunkte - Ges(ch)ichtspunkte
 Kunsttherapie, Edith Kramer, Berthold Viertel, Am 11. Juli 1944 schreibt Berthold Viertel aus dem New Yorker Exil an seine frühere Frau Salka: "Und dass so viele Menschen, wie nur möglich, ein volles, reiches Leben haben, darum geht der Kampf, das nenne ich Sozialismus. Die Parteien: Das sind zeitlich bestimmte Werkzeuge zu diesem Zweck."
  

Rückkehr aus dem Exil. Als Berthold Viertel 1948 mit der Schauspielerin Elisabeth Neumann nach Österreich zurückkehrt, werden sie von Edith Kramer, der Nichte der Schauspielerin Elisabeth Neumann begleitet. Seit dem Sommer 1940 lebte Viertel mit der Schauspielerin Elisabeth Neumann zusammen. Sie heirateten 1949 in Wien. Elisabeth Neumann berichtet, dass ihr "Mann ... damals gar nicht viel verdient" hat, von seiner von ihm damals getrennt lebenden Frau Salomea Sara Steuermann (Salka) und ihr selbst mitunter finanziell unterstützt werden musste. Die Geschichte dieser vier Personen erzählt irgendwie die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, die Geschichte der jüdischen Bevölkerung und des Exils, so mannigfach sind ihre Kontakte zur Kunstwelt, ihr humanistisches Engagement und ihre künstlerischen Arbeiten.

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Mutter der Kunst-Therapie. Edith Kramer wurde am 29. August 1916 in Wien als Tochter von Richard und Josefine Kramer (geb. Neumann) geboren. Ihr Onkel war der Lyriker Theodor Kramer und ihre Tante die Schauspielerin Elisabeth Neumann-Bernfeld-Viertel. Die Künstlerin wuchs bei ihrer Mutter und ihrer Tante, die in erster Ehe mit dem Psychoanalytiker und Pädagogen Siegfried Bernfeld verheiratet war, auf. Ein Haus am Grundlsee, das Elisabeth Neumann als Hochzeitsgeschenk von ihrem Vater bekam, wurde zum Sommer-Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler, Wissenschafter, Schauspieler, Politiker und Journalisten. Die so genannten Linksfreudianer um Bernfeld trafen sich somit wenige Kilometer entfernt vom Erholungsort, an dem sich der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud auf Sommerfrische aufhielt.

Bereits als fünfjährige erhielt Edith Kramer den ersten Zeichenunterricht bei Trude Hammerschlag, einer Franz-Cizek-Schülerin. Die Familie zog aber ein Jahr später nach Berlin, wo das Mädchen das Landschulheim Letzlingen besuchte. 1929 nach Wien zurückgekehrt, wurde sie Schülerin der Schwarzwaldschule, die von Eugenie Schwarzwald 1901 gegründet wurde und in der erstmals Mädchen maturieren konnten. Kramer nahm wiederum den Unterricht bei Hammerschlag auf und belegte Kurse bei der Bauhaus-Künstlerin und Kunstpädagogin Friedl Dicker. Vermutlich beeinflusste deren Kenntnis über die Zeichentherapie für Kinder auch Kramers Interesse daran. Nach der Matura folgte Edith Kramer der aufgrund ihrer kommunistischen Aktivitäten nach Prag geflüchteten Friedl Dicker. Von dort aus pendelte sie nach Wien, um bei Fritz Wotruba das Modellieren zu lernen. Ab 1935 begann Kramer bei Annie Reich eine Analyse und besuchte die psychoanalytisch-pädagogische Arbeitsgemeinschaft von Steff Bornstein.

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1937 flüchtete ihre Mutter Josefa Kramer-Neumann in den Freitod. Daraufhin emigrierte die Familie sukzessive nach Amerika – Edith Kramer gelangte mit einem Schiff von Danzig nach New York. Sie fand eine Arbeit als Handwerkslehrerin in "The Little Red Schoos Hose" in Greenwich Village und setzte ihre Psychoanalyse bei der ebenfalls geflüchteten Annie Reich fort. 1948 kehrte ihre Tante mit ihrem zweiten Ehemann Berthold Viertel nach Österreich zurück. Edith Kramer begleitete sie und bereiste auch England und Frankreich, wohnte aber weiterhin in New York und gab sich ihren zwei Leidenschaften, der Malerei und der Therapie, hin. Sie schrieb Bücher, wie "Art Therapy in a Children’s Community" und "Art as Therapy with Children" – letzteres wurde in sieben Sprachen übersetzt und gilt nach wie vor als Standardwerk für Kunsttherapeuten. Kramer arbeitete Kunsttherapieprogramme für psychisch gestörte Kinder aus den Slums aus. Auch für Krankenhäuser entwickelte sie Programme. Durch ihre Lehrtätigkeit an Universitäten und Ausstellungen eigener Werke machte sie sich in den Staaten einen Namen.

Das Hauptgewicht der Arbeit Edith Kramers liegt auf der heilenden Wirkung der Kunst bzw. des Kunstschaffens – im Unterschied zu jener Kunsttherapie, bei der die bildnerischen Produkte des Patienten in erster Linie als Hilfsmittel in der Psychotherapie dient. Bewusst tritt Kramer als Kunsttherapeutin auf, nicht als Psychotherapeutin. Nach dem Tod ihrer Tante erbte sie deren Haus am Grundlsee. Die Künstlerin verbringt nun die Wintermonate in New York und die Sommermonate in diesem Haus bzw. in einer Almhütte im Eibl. Obwohl sie das Haus am Grundlsee besitzt, malt sie in der Hütte fernab jeglicher Zivilisation ohne elektrisches Licht, Wasser und Telefon. Zu ihrem 80. Geburtstag erhielt Edith Kramer im Rahmen des "Weltkongresses für Psychotherapie" das Silberne Ehrenkreuz der Stadt Wien verliehen, und 2003 bekam sie das Große goldene Verdienstkreuz des Landes Steiermark.

Berthold Viertel. (* 28. Juni 1885 in Wien, † 24. September 1953 in Wien) Er war ein österreichischer Schriftsteller, Dramaturg, Essayist, Regisseur und Übersetzer, der 1885 in Wien als Sohn aus Galizien eingewanderter Juden geboren wurde. Nach abgebrochenem Philosophiestudium war er Mitbegründer der Wiener "Volksbühne", wo auch seine ersten Inszenierungen auf die Bretter kamen; zugleich Mitarbeiter berühmter Journale wie der Schaubühne, des Simplicissimus und der von Karl Kraus herausgegebenen Fackel. Anrührend ist Viertels Erinnerungen an den Wiener Sonderling Peter Altenberg, den impressionistischen "Narren und Heiligen": "Er war der Künstlichste, weil er der Natürlichste war – ein Grenzfall. Und so war auch seine Weisheit immer ein Grenzfall seiner Torheit."

Nach dem Krieg wurde Berthold Viertel Schriftleiter am Prager Tageblatt und ab Herbst 1918 Regisseur am Dresdner Theater, mit bahnbrechenden Uraufführungen expressionistischer Dramen von Georg Kaiser, Walter Hasenclever, August Stramm und Friedrich Wolf. 1922 engagierte ihn Max Reinhardt nach Berlin. 1923 widmete ihm Karl Kraus die Komödie in Versen "Wolkenkuckucksheim". 1924 führt er beispielsweise Regie bei dem selten aufgeführten Kraus-Stück "Die letzten Tage der Menschheit". Die Nazis vertrieben ihn nach London und New York. Ab 1948 war er wieder Regisseur am Burgtheater.

:::Freiklick:::>   Die literarische Bedeutung Berthold Viertels, pdf. 19 S. 65 KB, 2002

Elisabeth Neumann-Viertel. (* 5. April 1900 in Wien; † 24. Dezember 1994 Wien) Sie war eine österreichische Schauspielerin und war in erster Ehe mit dem berühmten Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld verheiratet. Sie emigrierte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich nach Amerika. Seit dieser Zeit spielte sie auch regelmäßig in englischsprachigen Filmen. Sie stand bis ins hohe Alter von 83 Jahren vor der Filmkamera.

Salka Viertel. (* 15. Juni 1889 als Salomea Sara Mea Steuermann in Sambor, Österreich-Ungarn - heute Sambir, Ukraine; † 20. Oktober 1978 in Klosters, Schweiz) war eine österreichisch-amerikanische Schauspielerin und Drehbuchautorin. Salka Viertels Vater war ein jüdischer Rechtsanwalt. Ihre Karriere begann sie als Schauspielerin in Wien, wo sie ihrem Mann, dem Autor und Regisseur Berthold Viertel, begegnete. Die beiden heirateten 1918; 1947 wurde die Ehe geschieden, der die drei Söhne Hans, Peter und Thomas entstammen. Durch ihre Freundschaft zu Greta Garbo bekam sie die Chance, Drehbücher zu schreiben und wurde Autorin einiger Garbo-Filme, u. a. von solchen mit so genannten "europäischen Themen" wie "Anna Karenina" (1935) oder "Maria Walewska" (1937). Ihr Lebensweg gilt als das Beispiel für einen durch das Exil erzwungenen Berufswechsel, und erfolgreich - zumindest solange die Garbo Filme drehte. Wie erfolgreich dieser Berufswechsel einerseits und wie unzufrieden sie mit der Drehbuchschreiberei für Hollywood anderseits war, das belegt ein Brief an ihren bereits getrennt lebenden Ehemann: "Jetzt ist die Chance da, jetzt, wo ich Geld verdiene, kannst Du schreiben. Ich war sehr stolz, dass ich Dir den Scheck von meinem selbstverdienten Geld schicken konnte ... Auch der Mama schicke ich von meinem Schandlohn. Prostitution ist ein Beruf für Frauen."

In Hollywood hatte Viertel einen Salon, in dem viele Exilanten verkehrten. In den 1930er und 40er Jahren engagierte sie sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Mit Beginn des Kalten Krieges geriet Viertel in der McCarthy-Ära unter Verdacht Kommunistin zu sein und konnte deswegen in Hollywood nicht mehr arbeiten. 1953 verließ sie die USA und ließ sich in Klosters in der Schweiz nieder, wo später auch ihr Sohn Peter und dessen Frau Deborah Kerr lebten.


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Letzte Aktualisierung ( Samstag, 11. Juli 2009 )