Neue Askese? Zur Frage nach der Aktualität des Verzichts
Freihandbücherei - Free Papers
Mittwoch, 7. Mai 2008
Askese, Hunger, Ernährungskrise, Diät, Der Hunger wird wieder alltäglich, täglich gegenwärtiger. Er kehrt  - die caritativen Tafeln sind nur eines der  Symptome dafür - mit der Zurückdrängung wohlfahrtsstaatlichen Denken und Handelns wieder in die Industriegesellschaften zurück, die kollektiv vergessene finstere Vergangenheit kehrt wieder.
  

Propagandistisch-psychologische Vorbereitung auf den Hunger. Nichtsdestotrotz - böse Zungen behaupten aber eben deswegen - wird allerorts der Aksese und der Diät das Wort geredet. Und die allerverrücktesten Esoteriker glauben die Welt nicht durch die heute notwendige Änderung der Verhältnisse sondern durch vegane Ernährung oder ähnliche psychotische Konzepte retten zu können. Das ständige Gerede der Prasser, dass nicht genug für alle da sei, bekommt erst jetzt angesichts der Welternährungskrise jene grausige tödliche Fratze, die man mit Sozialabbau, Rentenreform, Privatisierung, Sparkonzepte und wie diese Bosheiten sonst noch heißen - propagandistisch verniedlicht und als selbstverständliches Naturgesetz plausibel gemacht hat.

Da darf man sich auch wieder einmal grundsätzlich  und über den eigenen Tellerrand (sic!) hinaus mit dem thema beschäftigen. Der vorliegende Aufsatz stammt zwar aus dem Jahre 1994 - also als Askese noch ohne drohenden Massenhunger in einern anderen Konotation gedacht werden konnte - aber umsomehr schärft dieses Timelag, diese zeitliche Distanz, diese scheinbare Aktualitätsferne  für die kritische Analyse und Einschätzung der realen Situation.
:::Freiklick:::>   Thomas Macho: Neue Askese? Zur Frage nach der Aktualität des Verzichts,    
in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 544. 1994/7, Stuttgart (Klett-Cotta) 1994, 583-593; sowie in: Gabriele Sorgo (Hrsg.): Askese und Konsum, Wien (Turia & Kant) 2002, 139-153.

"... Das wachsende Prestige der Diätsucht, dieser genußorientierten Parodie asketischer Haltungen, verdankt sich einem seltsamen kollektiven Erinnerungsverlust. Im Laufe des Industrialisierungsprozesses haben wir nicht nur besiegt, sondern auch verdrängt und tabuisiert, was zu den elementarsten Lebenserfahrungen unserer Ahnen gehörte: den Hunger. Wir haben buchstäblich vergessen, was es einstmals bedeutete, Hunger zu leiden. Gewiß, die alten Leute können noch vom Hunger der letzten Weltkriegsjahre erzählen; aber auch sie wissen schlicht und einfach nicht, was sie sagen, wenn sie ihre Entbehrungen mit einer Hungersnot, wie sie eben in Somalia tobte, vergleichen. Selbstverständlich macht es einen Unterschied, ob ich trockenes Brot oder reichhaltig belegte Semmeln verzehre; ob ich mich von verkochtem Reis oder von Fleisch, von harten Kartoffeln oder von Fisch, von Billigkonserven oder von frischem Obst und Gemüse ernähren kann. Aber keine Differenz zwischen bestimmten Lebensmitteln gleicht auch nur entfernt der Differenz zwischen irgendwelcher und gar keiner Nahrung.

Der italienische Kulturhistoriker Piero Camporesi hat jüngst erst in einer eindrucksvollen Studie dokumentiert, welche Wahrnehmungen noch vor wenigen Jahrhunderten den Alltag zumal der europäischen Landbevölkerung prägten: verhungerte Kinder an jeder Ecke, abgemagerte, gleichsam bei lebendigem Leib skelettierte Menschenwesen, die sich auf jeden Fetzen Aas gestürzt hätten. Hunger bildete die Regel, nicht die Ausnahme, und selbst der Hungertod trat nicht als Konsequenz besonderer Katastrophen, Seuchen oder Mißernten auf, sondern als ein mehr oder minder gewöhnliches Ereignis. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erwähnte der Bologneser Kanoniker Giovan Battista Segni, "daß in Padua im Jahre 1529 jeden Morgen in der Stadt fünfundzwanzig bis dreißig Hungertote im Dreck der Straßen lagen. Die Armen hatten kein menschliches Aussehen."


Thomas Macho. (1952, Wien) Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, wurde 1976 mit einer Dissertation über die "Dialektik des musikalischen Kunstwerks" an der Universität Wien promoviert. Er habilitierte sich 1983 in Klagenfurt für das Fach Philosophie mit einer Schrift "Von den Metaphern des Todes. Eine Phänomenologie der Grenzerfahrung". Macho ist Mitbegründer des "Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik" und seit 2006 Dekan der Philosophischen Fakultät III an der Humboldt-Universität zu Berlin.

LEX: HUNGER